Dalai Lama: Mahnende Worte zum Thema Missbrauch

Im Rahmen seines Deutschlandbesuches äußerte sich der Dalai Lama auf einer Pressekonferenz am 14. September 2017 in Frankfurt auch zum Thema missbräuchliches Verhalten im Buddhismus. BUDDHISMUS aktuell Chefredakteurin Ursula Richard konnte ihm dazu eine Frage stellen. Der Dalai Lama hat damit auch vor dem aktuellen Hintergrund mehrerer Missbrauchsskandale im Buddhismus seine Aussagen aus den 1990er Jahren noch einmal unterstrichen und bekräftigt. Damals hatte er in einem intensiven Gespräch mit westlichen Dharma-Lehrenden ausführlich zu diesem Thema Stellung genommen.

Ursula Richard: Eure Heiligkeit, ich würde Sie bitten, ein paar Worte zum missbräuchlichen Umgang in buddhistischen oder religiösen Institutionen im Allgemeinen zu sagen und wie wir als Gesellschaft, als buddhistische Gemeinschaften damit umgehen und die Opfer unterstützen können.

S.H. der Dalai Lama: Es gibt da eine religiöse tibetische Organisation in Amerika, mit einem Meister, den ich kenne, er hat selbst Schande über sich gebracht. Er hat diese Dinge getan, die viele seiner älteren Schülerinnen und Schüler nun öffentlich kritisieren. Das ist richtig. Der Buddha hat uns, seinen Anhängerinnen und Anhängern, empfohlen, dass wir die buddhistischen Lehren nicht einfach gläubig akzeptieren, sondern sie untersuchen und erproben sollen. Wenn buddhistische Lehren nicht der Vernunft oder der Wirklichkeit entsprechen, dann habt ihr die Pflicht, sie zurückzuweisen.

Einige Nalanda-Lehrer haben Buddhas eigene Worte zurückgewiesen. In unserer tibetischen Tradition betonen einige große Lamas sehr klar, dass die Hingabe an den eigenen Guru oder Lama wichtig ist, doch dass man dem schlechten Verhalten seines Gurus nicht folgen soll. Man soll den eigenen Guru durchaus kritisieren. Wenn Menschen den Weg mit blindem Vertrauen den Weg gehen, ist das falsch. Wir folgen unserem Lehrer auf Grundlage der grundlegenden buddhistischen Lehre. Wenn unser persönlicher Lehrer die Lehre des Buddha wahrhaft übermittelt, dann folgen wir ihm. Verhält sich der Lama übel, sind wir dagegen. In Taiwan ist das auch passiert. Da waren es chinesische buddhistische Lehrer. Ich kenne auch sie.

„Folge ihm nicht und weise es zurück“

Es gibt ein Zitat aus einem Text von Tsongkhapa aus dem Lamrim im 14. Jahrhundert in Tibet, der sagt ganz deutlich, was dieses Verhältnis von Lehrer und Schüler anbetrifft: Wenn du als Schüler heilsames Verhalten, das der buddhistischen Lehre entspricht, bei deinem Meister siehst, dann folge ihm, und wenn du Verhalten siehst, das diesen ethischen Prinzipien nicht entspricht, dann folge ihm nicht und weise es zurück. So verhalte dich also im Einklang mit den ethischen Regeln oder betrachte deinen Lehrer oder folge deinem Lehrer im Einklang mit den ethischen Regeln, die im Buddhismus auch zentral sind. Das ist eine ganz klare Aussage, dass es nicht darum geht, dem Lehrer blind zu folgen.

In Indien gibt es auch einen spirituellen Lehrer, der wirklich Schande über sich gebracht hat. Er kam jetzt vor Gericht und wurde zu einer Haftstrafe verurteilt. Das ist richtig. Wenn der Dalai Lama etwas Schlechtes tut, solltet ihr mich verhaften. (Gelächter) Wenn Dagyab Rinpoche hier neben mir etwas Schlechtes tut, solltet ihr ihn festnehmen. (Gelächter). Ich habe einige chinesische Buddhisten getroffen. Sie hatten ein Problem, wie sie sagten. Auf der einen Seite haben sie das Gefühl, dass sie ihren Lehrer achten müssten. Auf der anderen Seite können sie das Verhalten des Lehrers nicht akzeptieren. Das brachte sie ganz durcheinander. In einem solchen Fall: Studiert, was der Buddha gesagt hat, was die großen Lehrer sagen. Dann gibt es kein Problem.

„Die ethischen Prinzipien sind ganz klar dargelegt“

Einige Schüler von solchen Lehrern, die sich auf nicht angemessene oder auf schädigende Weise verhalten haben, haben mir gegenüber ausgedrückt, dass sie Schwierigkeiten haben; sie sehen zwar diese Fehler, das Fehlverhalten, fühlen sich irgendwie aber auch durch die Loyalität zu ihrem Meister behindert, ihn offen zu kritisieren. Und ich habe zur Antwort gegeben, dass dies kein Hindernis sein sollte. Sie sollten sich davon freimachen, und sie können sich dabei auf die buddhistischen Texte und die buddhistischen Prinzipien berufen, die etwa bei den Ordensregeln ganz klar zum Ausdruck geben, dem Meister nur dann zu folgen, wenn er sich den ethischen Prinzipien entsprechend verhält, und ihm nicht zu folgen, wenn er sich nicht entsprechend verhält. Und das ist ihr gutes Recht, und es ist wichtig, das auch so zu tun. Die ethischen Prinzipien, wie man sich zu verhalten hat als Lehrer sind in den buddhistischen Texten ganz klar dargelegt. Und diese Fälle von Missbrauch, die berichtet werden, stehen ganz offensichtlich diesen Prinzipien diametral entgegen.


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