Konferenz zum Thema Sektendynamik und Radikalisierung

Vom 29. Juni bis 1. Juli 2017 fand in Bordeaux, Frankreich, die diesjährige Konferenz des International Cultic Studies Association zum Thema »Sektendynamik und Radikalisierung« statt. Dort haben sich über 300 AkademikerInnen, TherapeutInnen, RechtsexpertInnen sowie SektenaussteigerInnen und andere Betroffene aus aller Welt versammelt, um sich über dieses hochaktuelle Thema auszutauschen.

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Unter den vielen Referenten waren auch Stuart Lachs, Tenzin Peljor und ich, Christopher Hamacher, die zum Thema Sektenverhalten und Missbrauch im Buddhismus im Rahmen von Lehrer-Schüler-Beziehungen Vorträge hielten.

Der langjährige Zen-Übende Stuart Lachs aus den USA hob in seinem Vortrag die Aspekte des Zen-Buddhismus hervor, die es Lehrenden leichter machen, SchülerInnen zu missbrauchen. Vor allem die Institution der sogenannten Dharma-Übertragung und die damit einhergehende Mythologisierung hätten Lehrer wie zum Beispiel Joshu Sasaki in den USA ausgenutzt, um ihre Kritiker jahrzehntelang ins Abseits zu stellen.

Der deutsche Mönch in der tibetisch-buddhistischen Tradition Tenzin Peljor durchleuchtete die Aspekte seiner Tradition, die zu Missverständnissen unter westlichen SchülerInnen und Missbrauch durch Lamas/Lehrer führen können. Basierend auf seiner Erfahrung mit der „Neuen Kadampa-Tradition“ illustrierte er, wie zum Beispiel Begriffe wie Reinheit, Vertrauen oder Guru-Hingabe von tibetischen Lehrern eigennützig ausgelegt werden können.

Zum Schluss habe ich vier in Sexskandale verwickelte Rinzai-Zen-Gruppen aus Deutschland und den USA in Bezug darauf verglichen, wie sie mit den jeweiligen Vorwürfen umgegangen sind. Bei allen vieren lassen sich Defizite in Bezug auf Transparenz, Konsequenz und Integrität feststellen. Die Art und Weise, wie eine Gruppe auf Anschuldigungen und Vorwürfe von Fehlverhalten reagiert, ist möglicherweise ein besserer Indikator für ihre tiefer liegende Dysfunktionalität als der Inhalt der Anschuldigungen selbst. Im Anschluss an die Vorträge war viel Zeit für Austausch und Vertiefung. Das Bewusstsein dafür, dass auch BuddhistInnen nicht von den Gefahren des Sektierertums und Missbrauchs auf verschiedenen Ebenen gefeit sind, wächst nach meinem Eindruck. Es bleibt zu hoffen, dass die buddhistischen Traditionen diesbezüglich auch bei künftigen Konferenzen des ICSA ein Thema sind.

Christopher Hamacher

Weitere Infos: Website von ICSA:
www.icsahome.com
Blog von Tenzin Peljor: blog.buddhistische-sekten.de


Quelle: Buddhismus Aktuell, 4/2017, Seiten 80-81

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