Stellungnahme zur DBU-Stellungnahme zu der Situation im Zusammenhang mit Sogyal Rinpoche

von Anne Deckert
 
Ich bin Psychotherapeutin und gehöre keiner buddhistischen Gemeinschaft an.
Ich möchte meine Gedanken zu der Situation im Zusammenhang mit Sogyal Rinpoche mitteilen.

Beim Lesen der DBU-Stellungnahme ging es mir unterschiedlich:

Zum einen: sie haben gut formuliert geschrieben, sie sind betroffen, sie verstehen die 8 Betroffenen, sie haben viel Vertrauen zu Sogyal Rinpoche … und bei allem wurde mir mulmig.

Und dann: beim Zurücklehnen nach dem ersten Lesen stand das Schreiben der 8 Betroffenen vor meinem inneren Auge … und ich kam meinem mulmigen Gefühl auf die Spur:

hier stimmt etwas nicht, da wird versucht mir als Leserin Vorhänge vor die Augen zu ziehen. … ein bekanntes Muster bei sexueller Gewalt gegenüber Abhängigen, die immer auch Machtmissbrauch in perfider Form einschließt – und dabei der Täter geschützt, ihm beigestanden (so ein wichtiger Mann, dem wir wirklich so sehr viel zu verdanken haben – so etwas Böses, das furchtbare Böse in ihm – das kann gar nicht sein!)

Das ist von dem Rat der DBU sehr geschickt formuliert – nein, nicht zu offensichtlich!

Man muss es schon noch einmal lesen um zu begreifen, was da passiert und wie der Missbrauch und der Täter weiter geschützt und letztendlich gestützt wird – bis die nächste Missbrauchs- und Gewalt-Runde nach angemessener Zeit (nach dem Retreat und dann auch öffentlicher Ent-Schuldung seitens seiner Rigpa-Gemeinschaft, seitens der DBU usw.) von dem Täter eingeleitet werden könnte.

Ich bin entsetzt.

Es fehlt: das uneingeschränkte Vertrauen in die ehemaligen 8 Mitarbeiterinnen, Schülerinnen – diese mutigen geschändeten Menschen und deren Aussagen. Es sind 8 !!! Wo bleibt das Vertrauen in deren Glaubwürdigkeit ? Es sind vertrauensvolle Menschen in wichtigen Positionen innerhalb von Rigpa gewesen …!

Warum wird ihnen nicht geglaubt? Das ist doch die große Falle bei sexuellem Missbrauch, Machtmissbrauch … „das kann nicht sein, der Vati, der Onkel, die Tante, der Lehrer, Trainer usw. und auch ein bedeutender Zen Lehrer, die tun so etwas nicht, die sind doch so lieb und verständnisvoll“. Wobei das Letztere auf Sogyal Rinpoche offensichtlich nicht zutrifft, was körperliche Gewalt und Tobsuchtsanfälle angeht.

Der Missbrauch wird auf seelischer Ebene weiter geführt – die Geschädigten sind die Angeklagten:
Denn: es bleibt ein „Geschmack“ von:

Sogyal Rinpoche
© Lotsawa108 | CC BY-SA 3.0

wer weiß, ob das stimmt … Gerichte mögen das klären. Es existiert eine riesengroße Betroffenheit allüberall über die Vorkommnisse, über das angemessene Verhalten zwischen Lehrern und Schülern, über die arme Rigpa Gemeinschaft und deren schreckliche Situation usw. Sogyal Rinpoche bleibt merkwürdig „unangetastet“  (wenn das stimmt, was die Gerichte erst herausfinden müssen … dann, ja dann)  und es wird unkritisch und unhinterfragt berichtet, „erzählt“, dass Sogyal Rinpoche sich nun erstmal ins Retreat zurück gezogen hat … unbehelligt, der Arme, mit so vielen Vorwürfen konfrontiert, dass sein Selbstwertgefühl doch erstmal mit Beratern vorsichtig wieder stabilisiert werden möge.

Wie gesagt, ich finde das „geschickt“ gemacht auch in dem, was darunter mitschwingt: Loyalität gegenüber Sogyal Rinpoche, dem Täter (mehrfach bezeugt!!!) und letztendlich eiskalt (trotz der angeblichen Anerkennung für den Mut der 8) diesen 8 gegenüber und all den anderen noch Ungenannten.

Wo bleibt die authentische Würdigung des Briefes der 8 Geschädigten?

Der Brief ist bei all den unfassbaren Beschreibungen (weil wir fassungslos werden ob solcher Fakten) des Verhaltens von Sogyal Rinpoche diesem gegenüber respektvoll geschrieben, menschlich nicht zerstörerisch ihm gegenüber.

Wird das nicht gesehen? Kann es von den Räten nicht wahrgenommen werden? In mitfühlender Achtsamkeit und Respekt?

Und es sind nicht nur diese 8 …!

Wo bleiben seitens der DBU die freundschaftliche tiefe Auseinandersetzung und Gespräche mit den Geschädigten – statt nur mit der Rigpa Gemeinschaft?

Was macht der Täter? Wieso wird ihm über die Maßen vertraut? Wieso „darf“ er sich zurückziehen, aus allem heraus ziehen – wohlwollend beschrieben vom Rat der DBU.

Wo kann ich die Demut gegenüber menschlichem Leben in der Stellungnahme der DBU finden, das authentische Erschrecken über die Taten eines solchen Mannes, das echte Mitgefühl für die Geschädigten, ein Diesen-Menschen-Glauben?

Und zum Schluss:

Man kann nur hoffen, dass die Idee eines unabhängigen Ethikrates bald verwirklicht wird. Wobei ich mich frage, wieso ein solcher unabhängiger Ethikrat nicht schon längst existiert innerhalb der DBU – die DBU mit vielen buddhistischen Gemeinschaften mit deutlichen Hierarchien und teilweise offenbar Methoden und Wegen zur Reinigung, Erleuchtung, die mindestens dubios sind. In dem Fall Sogyal Rinpoche zum Beispiel waren die Vorfälle doch seit Jahren mehr oder weniger geahnt, wenn nicht gar bekannt.

Je mehr ich schreibend mich mit dieser Stellungnahme beschäftige, umso mehr machen sich Unverständnis, Ärger und Empörung in mir breit:

Ich halte es für eine Notwendigkeit ein unabhängiges Gremium, einen Ethikrat (mit Frauen) einzurichten, und zwar außerhalb des Rates!

Wie sollten unhinterfragte hierarchische Macht-Strukturen, die institutionalisierte Gewalt und sexuellen Missbrauch möglich machen, anders verändert werden können als durch Öffnung gegenüber und Rat von unabhängigen Gremien ?

Es wäre der DBU anzuraten sich beispielweise mit dem Unabhängigen Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung, Herrn Johannes-Wilhelm Rörig in Verbindung zu setzen – wir sind doch nicht zum ersten Mal in der Geschichte mit institutionalisiertem Missbrauch und Gewalt beschäftigt …!

Wieso duckt sich die DBU weiter – und fördert durch Beistand dem Täter gegenüber und Verschleierung all dieser schrecklichen Verbrechen an Menschen genau das:

dass es eben weiter gehen kann – nachdem Zeit ins Land gegangen ist, oder so mancher aus seinem Retreat „gereinigt und geläutert“ zurück gekehrt ist …???

Ich habe trotz allem Hoffnung …

Anne Deckert, 10.09.2017

Stellungnahme zur DBU-Stellungnahme zu der Situation im Zusammenhang mit Sogyal Rinpoche

Ein Gedanke zu „Stellungnahme zur DBU-Stellungnahme zu der Situation im Zusammenhang mit Sogyal Rinpoche

  • 18. September 2017 um 00:02
    Permalink

    Ein sehr schöner und treffender Kommentar von Frau Deckert. Der DBU-Artikel trägt den Charakter der Verschleierung. Mir fehlen kritische Distanzierung und eine wesentliche Einsicht menschlichen Lebens: Gut und Böse durchziehen jedes Herz- auch das eines Sogyal Rinpoche! Es wird Zeit, die genährte Illusion, die Gesamtheit der Buddhisten verhielten sich gewaltlos, durch die Realität zu korrigieren!
    Dr. Sonja Brunsendorf

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