Turbulente Zeiten zum Thema Missbrauch im Buddhismus: Vergangene Taten holen Sogyal Rinpoche & Rigpa ein

Am 14.07.2017 sandten acht langjährige und verdiente Schüler Sogyal Rinpoches einen »Brief an Sogyal Lakar«. Lakar ist der Familienname Sogyal Rinpoches; »Rinpoche« ist ein Ehrentitel, der »Der Kostbare« bedeutet. Der 12-seitige Brief wurde auch an den Dalai Lama, einige hochrangige tibetisch-buddhistische Lehrer sowie an ca. 1.000 Mitglieder des »Rigpa Dzogchen Mandalas« gesendet.

Der Brief beschreibt unmissverständlich und in klaren Bildern physischen, emotionalen, sexuellen, finanziellen und spirituellen Machtmissbrauch. Ziel der Verfasser ist es, Sogyal Rinpoche als auch Rigpa Mitglieder auf das über Jahrzehnte entwickelte und gut verschwiegene machtmissbrauchende Verhalten Sogyal Rinpoches aufmerksam zu machen und Grenzen zu setzen, um sich auf der Basis eines realistischen Bildes der Situation gemeinsam den Tatsachen stellen und daran arbeiten zu können, den Machtmissbrauch zu beenden.

Ich persönlich kenne zwei der Autoren des Briefes, der vor kurzem an Sogyal Rinpoche geschickt wurde, und bin überzeugt, dass sie ehrlich sind und dass ihr Wort zuverlässig ist… – Matthieu Ricard / siehe auch Point of View

Eine Übersetzung des Briefes ins Deutsche stellt Matthias Steingass auf seinem Blog Der Unbuddhist zur Verfügung:

Einen Überblick in Englisch geben die nachfolgenden zwei Artikel – der zweite ausführlicher und mit zusätzlichen Informationen und Links:

Unabhängig von dieser Entwicklung recherchierte Religionswissenschaftlerin und Journalistin Mechthild Klein zu Ole Nydahl und Sogyal Rinpoche. Das Ergebnis ihrer Recherchen veröffentlichte der Deutschlandfunk:

Buddhismus Aktuell (BA) veröffentlichte einen Artikel, der den o.g. »Brief an Sogyal Lakar« in Englisch zusammen mit einer deutschen Übersetzung des Antwortbriefes von Sogyal Rinpoche an seine Schüler sowie der Pressemitteilung von Rigpa enthält:

Der Artikel von Buddhismus Aktuell wurde um den (lesenswerten) Antwortbrief der Rigpa-Schülerinnen und Schüler an Sogyal Rinpoche ergänzt und wird mit wichtigen Beiträgen oder Entwicklungen zum Fall aktualisiert.

Im Vorwort des Artikels von Buddhismus Aktuell heißt es:

Wenn es um den Vorwurf von Missbrauch und Gewalt geht, ist Transparenz und offene Debatte das oberste Gebot. Aus aktuellem Anlass möchten wir darum die Diskussion um Sogyal Rinpoche hier dokumentieren. Wir arbeiten derzeit daran, entscheidenden Texte und Passagen dieser Debatte ins Deutsche zu übersetzen. Bis diese Arbeit getan ist, stellen wir, wo nicht anders vorhanden, die englischen Textfassungen zur Verfügung.

Die Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW) versandte einen Newsletter in dem zu diesem Thema nachfolgende Informationen bzw. Hintergründe von Dr. Friedmann Eißler und Dr. Michael Utsch zur Verfügung gestellt werden.

Missbrauchsvorwurf: Sogyal Rinpoche zieht offenbar Konsequenzen

Sogyal Rinpoche während eines Vortrages in Lerab Ling, 2006. Photo von Lotsawa108 via CC BY-SA 3.0 Lizenz.

Der Gründer und spirituelle Leiter des internationalen tibetisch-buddhistischen Rigpanetzwerks, Sogyal Rinpoche, zieht sich zurück für „eine Zeit der Einkehr und der Reflexion“. So berichten es das kanadische Buddhismus-Magazin „Lion’s Roar – Buddhist Wisdom for our Time“ (online) wie auch das „Boeddhistisch Dagblad“ (Niederlande) unter Berufung auf eine Pressemitteilung von Rigpa International vom 21.7.2017.

Grund sind offenbar massive Missbrauchsvorwürfe, die von einer Gruppe von acht langjährigen und verdienten Schülerinnen und Schülern vorgebracht wurden und in einem Brief mit Datum vom 14. Juli im Internet kursieren (www.lionsroar.com/wp-content/uploads/2017/07/Letter-to-Sogyal-Lakar-14-06-2017-.pdf). Das 12-seitige Schreiben an Sogyal Rinpoche fordert den tibetischen Meister auf, sein „unethisches und unmoralisches Verhalten“ aufzugeben und auf den wahren Pfad des Dharma zurückzukehren. Die Vorwürfe wiegen schwer. Gegliedert in „physischen, emotionalen und psychologischen Missbrauch“, „sexuellen Missbrauch“, „unersättlichen Lebensstil“ und die „Vergiftung unserer Wertschätzung für die Dharmapraxis“ werden sie in ruhigem Ton und begründet aufgrund von „Erfahrungen aus erster Hand“ vorgetragen. Es wird betont, dass das persönliche Gespräch gesucht wurde, bevor man an die Öffentlichkeit ging, jedoch ohne Erfolg. Vielmehr seien Insidern die verstörenden und gewalttätig missbräuchlichen Verhaltensmuster seit Jahrzehnten bekannt, würden aber vom innersten Kreis weiter gedeckt oder „wegerklärt“.

Immer wieder sind in der Vergangenheit Missbrauchsvorwürfe gegen Sogyal Rinpoche laut geworden. Durch die jüngsten Vorgänge ist jedoch eine neue Stufe eingetreten. Rigpa Deutschland teilte auf Rückfrage mit, dass der Verein seine Beziehungen zu Sogyal Rinpoche neu ordnen müsse, und versicherte, dass innerhalb der Gemeinschaft in Deutschland ein offener und transparenter Dialog über die in dem Brief erhobenen Vorwürfe begonnen habe.

Dr. Friedmann Eißler

Geistlicher Missbrauch: Das Internet, eine buddhistische und eine katholische Stimme

Der Machtmissbrauch eines Gruppenleiters ist ein bekanntes Phänomen, das in allen weltanschaulichen Milieus vorkommt. Bedürfnisse nach Eindeutigkeit, Sicherheit und Kontrolle und eine entsprechende Inszenierung des Leiters lassen seine Autorität schnell anwachsen. Bei fehlenden demokratischen Kontrollmechanismen kann eine Gemeinschaft schleichend sektenähnliche Strukturen annehmen.

Ein klassisches „Sektenmerkmal“ ist die Informationskontrolle. Das bedeutet: Kritische Aufklärung ist ein wirksames Gegenmittel gegen Versektungstendenzen. Hier kommt dem Internet eine nicht zu unterschätzende Bedeutung zu. Die Richtungsänderung innerhalb der Neuapostolischen Kirche in den letzten zwei Jahrzehnten wurde auch von kritischen Internetforen ausgelöst, wo unzufriedene Mitglieder, von Missbrauch Betroffene und Aussteiger ihre Erfahrungen unzensiert mitteilen konnten und wahrgenommen wurden. Der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen hat in seinem Essay „Entzauberte Gurus“ anschaulich dargestellt, wie sich durch das Internet das Kräfteverhältnis zwischen Meister und Schüler verändert hat.

Wie kann Machtmissbrauch im religiösen oder spirituellen Gewand verhindert werden? Kritische Stimmen, die von außen an eine Gruppe herangetragen werden, können missverständlich als Abwertung des fremden Glaubens verstanden werden. Viel wirksamer sind selbstkritische Initiativen aus der Gruppe selber, wie das etwa die Deutsche Buddhistische Union (DBU) mit ihrer Orientierungshilfe über heilsame und unheilsame Strukturen in Gruppen getan hat.

Kürzlich hat der Jesuitenpater Klaus Mertes, der 2010 maßgeblich an der Aufdeckung von Missbrauchsfällen in kirchlichen Bildungseinrichtungen beteiligt war, systemische Besonderheiten des Machtmissbrauchs in der katholischen Kirche beschrieben und Qualitätskriterien für Geistliche Begleitung entwickelt, um die Missbrauchsgefahr einzudämmen. Für die Aufarbeitung von Missbrauch sei neben der geistlichen Ebene auch die psychologische Ebene unverzichtbar, weshalb das Verhältnis von Psychotherapie und Seelsorge in diesem Zusammenhang besondere Aufmerksamkeit verdiene. Die traurige Tatsache des Missbrauchs stelle eine besondere Herausforderung für Theologie und kirchliches Lehramt dar, die geistliche Anmaßung dekonstruieren und zurückweisen müsse.

Dr. Michael Utsch

Der Newsletter der EZW beinhaltet auch eine knappe Analyse Dr. Eißlers zu Aspekten des Buddhismus in Deutschland und zum Stand der Anerkennung der DBU als Körperschaft des öffentlichen Rechts:

Von meiner Seite herzlichen Dank an Friedmann Eißler und Michael Utsch bzw. die EZW. Sie nehmen uns Buddhisten die Arbeit ab! Denn in Deutschland ist scheinbar die größte Dachorganisation der Buddhisten, die Deutsche Buddhistische Union (DBU), immer noch nicht in der Lage, selbst Verantwortung zu übernehmen und die Öffentlichkeit sachlich zu informieren und dazu beizutragen, Missstände wahrzunehmen, auf sie aufmerksam zu machen, um sie dann gemeinsam, auf konstruktive Weise, abschaffen zu können. Es gibt bis zum heutigen Tag in der DBU weder einen Ethik-Rat, noch Ethik-Richtlinien, noch Ansprechpartner für Menschen, die Zeugen oder Opfer von Machtmissbrauch in buddhistischen Gruppen wurden.

Vor 14 Jahren empfahl Pfarrer Gandow in einem Telefonat, dass die Buddhisten für Fehlentwicklungen im Buddhismus selbst die Verantwortung übernehmen sollten. Nun, einiges haben wir erreicht, wie z.B. die Handreichung »Orientierungshilfe – heilsame und unheilsame Strukturen in Gruppen« oder zwei Treffen zur Einrichtung eines »Ethik-Rates« und das Aufstellen eines Lehrer-Verhaltenskodex (Ethik-Charta). Allerdings, seit 2012 sind diese Bemühungen zum völligen Erliegen gekommen. Im Jahr 2017 wurden sie konterkariert, als der Vorsitzende des Rates der DBU und ihr erster Sprecher, Gunnar Gantzhorn, dem Deutschlandfunk erklärte, dass sexuelle Handlungen zwischen buddhistischen Lehrern mit ihren erwachsenen Schülern kein ethisches Problem darstellen würden.

Vor kurzem wurde Genpo D., ehemals Mitglied des Rates der Deutschen Buddhistischen Union (DBU) und später Ehrenmitglied des Buddhistischen Rates der DBU, zu fast 8 Jahren Gefängnis wegen sexuellem Missbrauchs Minderjähriger verurteilt. Eine Stellungnahme oder eine offizielle Entschuldigung gegenüber den Betroffenen und ihren Familien liegt bis heute nicht vor. [Update: Eine Stellungnahme des Rates der DBU zum Fall Genpo D. wurde 6 Tage nachdem dieser Beitrag verfasst wurde veröffentlicht.]

Nun, einige Buddhisten in Deutschland waren in Bezug auf öffentliche Aufklärung aber auch nicht völlig inaktiv. Neben der Arbeit von Buddhismus Aktuell (BA) – dem Magazin der DBU unter Leitung der Journalisten Ursula Richard und Susanne Billig, die neben der Printausgabe auch auf der Website einige aufklärende Artikel veröffentlichte¹ – überarbeitete aus aktuellem Anlass Lisa Freund einen im Jahr 2003 in der BA veröffentlichten Artikel zum Thema der Lehrer-Schüler-Beziehung:

Matthias Steingass trägt mit seinem Blog Der Unbuddhist und Diskussionsbeiträgen zur Aufklärung bei. Christopher Hamacher ist seit Jahren in Bezug auf Zen engagiert – um nur zwei weitere Beispiele engagierter Einzelpersonen zu nennen.
Wirkliche Pionierarbeit leisteten vor allem Franz Johannes Litsch, frühere DBU-Räte, Tibet und Buddhismus und einige wenige andere engagierte Einzelpersonen.
Auch der Fall Thich Thien Son von der Pagode Phat Hue in Frankfurt wurde offen aufgearbeitet. Die Stellungnahme der Deutschen Buddhistischen Ordensgemeinschaft (DBO) aus dem Jahr 2011 ist immer noch auf der DBO Website zu finden.
Im Buddhaland-Forum kann man seit einigen Jahren kontroverse Themen offen diskutieren. (Früher gab es dazu die Möglichkeit via einem von der DBU moderierten Forum, das aber leider nicht mehr existiert.)


¹ Einige Beispiele:

Updates

Kulturübergreifende Verwirrung: Hintergrund-Artikel

Turbulente Zeiten zum Thema Missbrauch im Buddhismus: Vergangene Taten holen Sogyal Rinpoche & Rigpa ein

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