Vajrayana, Mitgefühl und westliche Werte – Anmerkungen zu „Guru and Student in the Vajrayana“ von Dzongsar Khyentse Rinpoche

Gastbeitrag von Bernd Zander
 
Zunächst scheint mir wichtig, dass der von Dzongsar Khyentse Rinpoche (DKR) am 14. August 2017 auf Facebook veröffentlichte Text derart lang und tiefgründig ist, dass er zweifelsohne vielerlei Bedeutungsebenen hat. Insbesondere die folgenden Aspekte erscheinen mir bemerkenswert:

Zunächst kann man den Text als Dharma-Belehrung und/oder wissenschaftliche Abhandlung lesen. Unter dieser Betrachtung halte ich ihn trotz mancher Widersprüche alles in allem für hilfreich. Dies gilt besonders für die Frage, wie der indisch/tibetische Vajrayana-Buddhismus perspektivisch erfolgreich in den Westen übertragen werden kann. Eine vertiefende Betrachtung mittels unterscheidender Weisheit und den drei Weisheitswerkzeugen ist m.E. a) lohnend und b) nicht ad hoc leistbar.

Aktuell entstanden ist der Text als Beitrag zur aktuellen Krise um Sogyal Rinpoche (SR) und Rigpa. Speziell als Mitglied der Rigpa-Sangha (ich bin seit 2002 dabei) interessiert mich an dieser Stelle vor allem die Frage, was ich/wir persönlich ganz konkret daraus lernen kann/können. Wenngleich auch dies nicht ad hoc (vollständig) zu beantworten ist, erscheinen mir an dieser Stelle die folgenden Anmerkungen  wesentlich und unverzichtbar:

Anti-westliche und illiberale Ressentiments

Dzongsar Jamyang Khyentse Rinpoche, a.k.a. Khyentse Norbu | 2006 | (c) Pedro Rocha

Eine sorgfältige Textanalyse ergibt, dass sich DKR mindestens an gleich 12 Textstellen (!) mehr oder weniger polemisch und herablassend über den im westlichen Kulturkreis vorherrschenden liberalen Geist echauffiert.

Es beginnt schon damit, dass DKR die Pressefreiheit aufs Korn nimmt. Er wirft den Medien pauschal, hier besonders deren liberalen Flaggschiffen wie CNN und New York Times, vor, Texte wie den seinen zu verkürzen, indem sie Kernaussagen zitieren bzw. herausarbeiten. Offen bleibt, wie denn sonst ein sinnvoller Diskurs überhaupt möglich sein soll. Dies gilt umso mehr für derart lange und allein schon von ihrer (fehlenden) Gliederung unübersichtliche Texte wie den seinen. Da stellt sich schon die Frage: Hat DKR überhaupt ein Interesse daran, dass sein Text verstanden, analysiert und konstruktiv diskutiert wird?

Hauptsächlich geht es DKR im Folgenden um westliche Dharma-Praktizierende, deren liberale, kritisch-analytische sowie Ethik und Rechtsstaat verpflichtete, Mentalität er als großes Hindernis beim Verstehen des Vajrayana-Buddhismus sieht.

Um nicht missverstanden zu werden: Menschen im Westen wenden sich dem tibetischen Buddhismus durchaus auch deshalb zu, weil sie hier Antworten zu Lebensfragen finden, die in unserer eigenen Kultur zu kurz kommen bzw. tabuisiert werden (z.B. Sterben und Tod). Insofern finde ich es richtig und oft auch hilfreich, wenn buddhistische Lehrer auf Defizite unserer westlichen Lebensweise hinweisen. Bei DKR sehe ich jedoch die große Gefahr, dass er genau an dem Ast sägt, auf dem wir alle sitzen:

Wenngleich dharmisch betrachtet auf der letztendlichen, absoluten, Ebene jede weltliche Ordnung transzendiert wird, stellt die Identifikation und aktive Verteidigung der westlichen Werteordnung für mich persönlich einen Wert an sich dar. Zum Kern dieser Werteordnung zähle ich insbesondere die Grund- und Menschenrechte (Würde des Menschen, Glaubens- und Meinungsfreiheit, Recht auf körperliche Unversehrtheit u.s.w.), Rechtsstaat und liberale Demokratie. Gerade auch unter dharmischer Betrachtung (Mitgefühl, Bodhichitta etc.) halte ich dieses ethische Fundament für wesentlich und unverzichtbar.

Vor diesem Hintergrund ist es schon schlimm genug, wenn die genannten Werte von Kräften wie beispielsweise Islamisten, Donald Trump, Rechtspopulisten sowie Autokraten wie Recep Tayyip Erdoğan zunehmend in Frage gestellt, verhöhnt und bekämpft werden. Ein Ausdruck davon sind ja gerade die weltweit immer unverhohleneren Angriffe auf die Pressefreiheit („Fake News“, „Lügenpresse“).

Für besonders schwer erträglich halte ich, wenn jetzt auch noch ein so bekannter buddhistischer Lehrer wie DKR in dieses anti-westliche und illiberale Horn bläst.

„Samaya“ als Rechtfertigung für „Victim Blaming“

Ähnlich wie zuvor bereits Orgyen Tobgyal Rinpoche (OTR) wirft DKR den an die Öffentlichkeit gegangenen Missbrauchsopfern klar „Samaya-Bruch“ vor. Ja, er geht sogar so weit, dass aus Vajrayana-Sicht nichts Falsches an SR’s Handlungen sei. DKR begründet dies damit, dass sich ab dem Zeitpunkt des wissentlichen Empfangs einer tantrischen Initiation (incl. „pointing out instructions“ = 4. Abisheka), für den Schüler jegliche Kritik am Meister, ja sogar die Analyse desselben, verbietet.

Wer ist hier betroffen?

Zu Beginn seiner Ausführungen betont DKR, dass man SR’s Rolle als buddhistischer Lehrer von der eines Vajrayana-Meisters unterscheiden müsse – schließlich gibt es „Samaya“ nur im Vajrayana. Nun kenne ich außer SR keinen anderen buddhistischen Lehrer, der in seinen mehr oder weniger öffentlichen Teachings so oft betont, dass er Dzogchen-, also höchste Vajrayana-Lehren, gibt und alle Anwesenden immer wieder in die Natur ihres Geistes einführt („pointing out instructions“). Gerade dies macht SR als Lehrer attraktiv, relativiert jedoch die von DKR gemachte Rollenabgrenzung.

Aus SR’s eigenen Aussagen folgt, dass zwischen ihm und de facto allen Teilnehmer/innen seiner Retreats Samaya besteht, deren Wissen um die Bedeutung einer Vajrayana-Initiation einmal vorausgesetzt.

Zweifel/Kritik an Sogyal Rinpoche’s Qualifikation als Vajayana-Meister

Nachdem DKR dies erklärt hat, analysiert er an gleich mehreren Textstellen SR’s Qualifikation als Vajrayana-Meister, die er – nach meinem Eindruck – unerwartet deutlich in Frage stellt. Seine Ausführungen in Richtung SR gipfeln u.a. in möglichen Konsequenzen für diesen („extremely grave consequence“, ja sogar von „vajra hell“ ist die Rede). Gegen Ende seiner Abhandlung spricht DKR feststellend (d.h. ohne „?“) von „Sogyal Rinpoche’s misbehaviour“ – klarer geht’s wohl nicht!

Beinhaltet „Samaya“ die Verpflichtung, sich selbst und andere zu belügen?

Wenn man nun als Rigpa-Schüler/in DKR’s zuvor wiedergegebenen Ausführungen glaubt und sie beherzigen möchte, kommt man bei konsequenter Betrachtung an Fragen wie den Folgenden nicht vorbei:

  • Erlaubt mir mein Samaya überhaupt, DKR’s Abhandlung bezüglich Infragestellung von SR zu Ende zu lesen? Wenn ich es aufmerksam tue, analysiere ich SR, d.h. meinen Vajra-Meister, damit nicht zwangsläufig? Wenn ich DKR’s Einlassungen teile, kritisiere ich SR damit sogar?
    Noch komplizierter wird es, wenn ich von von beiden, DKR und SR, Initiationen empfangen habe: Was darf/muss ich von DKR’s Text lesen/glauben, ohne meinen Samaya zumindest gegenüber einem von beiden Meistern zu brechen?
  • Wie kann ich SR als Lehrer vorab rechtzeitig prüfen, wenn lt. DKR seine Schüler/innen allein dadurch Samaya-Bruch begehen, dass sie ihr Wissen von geheim stattfindendem (!) Missbrauch teilen?
  • Als Rigpa-Instruktor/in: Muss ich Schüler/innen, die z.B. dabei sind, SR als Lehrer zu prüfen, wider besseres Wissen anlügen (Vorwürfe – auch z.B. von DKR – verleugnen, Missbrauchsopfern die Schuld geben etc.)? Ist dies wirklich notwendig, um meinen Samaya nicht zu brechen? Wenn ja, wie ist das mit meinem Bodhichitta-Gelübde vereinbar?

Ist Vajrayana mit Bodhichitta bzw. westlichen Werten überhaupt vereinbar?

Im Kern stellt DKR sowohl SR’s Qualifikation wie Verhalten gegenüber seinen Schüler/innen in Frage, ja er übt scharfe Kritik daran. Gleichzeitig hindert ihn das nicht, von eben jenen Schüler/innen – selbst wenn sie zu Missbrauchsopfern wurden – unter allen Umständen Gehorsam gegenüber ihrem Meister einzufordern, d.h. selbst den Missbrauch kritiklos hinzunehmen. Unfassbar, aber nichts anderes sagt er.

Ja, DKR’s Interpretation von „Samaya“ erinnert mich fatal an eine Rechtsauslegung, die an einer Verurteilung (z.B. zu lebenslanger Haft) auch dann festhält, wenn sich nachträglich die Unschuld des Verurteilten herausstellt. Auch in diesen Fällen könnte man argumentieren, das seinerzeitige Urteil sei schließlich formal korrekt zustande gekommen und damit rechtsgültig.

Insofern sage ich ganz klar: DKR’s Ausführungen sind zumindest in dieser Hinsicht weder mit dem für die buddhistische Ethik unverzichtbaren Mitgefühl noch mit westlichen Werten vereinbar. Gäbe es nur diese eine Lehrmeinung, wäre für mich Vajrayana als geschicktes Mittel an dieser Stelle passé.

Nun gibt es zum Glück andere Lehrer wie z.B. den Dalai Lama, Mingyur Rinpoche oder Matthieu Ricard. Gerade die Genannten haben sich aktuell – übrigens in wesentlich kürzeren Stellungnahmen – weitaus mitfühlender und klarer positioniert. Wenn man bedenkt, dass sich DKR erst danach zu Wort gemeldet hat, stellt sich schon die Frage, warum er auf deren Ausführungen mit keinem Wort eingeht.

„Reine Wahrnehmung“

Fragt man nach dem „Warum?“, wenn es um Kritik-Verbote am eigenen Vajra-Meister geht, kommt man an „reiner Wahrnehmung“ nicht vorbei. Schließlich wird diese als Essenz des Vajrayana angesehen. Nicht nur DKR erläutert dazu, dass es darum geht, den eigenen Lehrer, aber letztlich genauso alle fühlenden Wesen einschließlich sich selbst, als „rein“ (d.h. als Buddha) anzusehen.

Verschiedene Lehrmeinungen gibt es hingegen in der Frage, ob man den Meister nur während der formellen Praxis (z.B. Guru- und Gottheiten-Yoga) als „rein“ visualisiert, oder ihn immer, d.h. wirklich bei allem, was er tut, als Buddha anzusehen hat. DKR vertritt eindeutig letzteres. Daraus folgt für ihn, dass es „Missbrauch“ durch den eigenen Vajra-Meister per Definition gar nicht geben kann. Unglaublich, aber wahr.

Demgegenüber betont z.B. der Dalai Lama:

Das Problem mit der Praxis, alles, was der Lehrer tut als perfekt anzusehen, ist, dass diese sich sehr leicht in Gift für Lehrer und Schüler verwandeln kann. Wann immer ich diese Praxis lehre, empfehle ich deshalb immer die Tradition »jede Handlung wird als perfekt angesehen« nicht zu betonen. Sollte der Lehrer nicht-dharmische Eigenschaften hervorbringen oder Belehrungen geben, die dem Dharma widersprechen, so muss die Anleitung, den spirituellen Meister als perfekt anzusehen, zu Gunsten von Vernunft und Dharma-Weisheit aufgegeben werden.

Meine Betrachtungen abschließen möchte ich mit der entscheidenden, aber alles andere als einfachen, Frage, was denn unter „rein“ überhaupt zu verstehen ist. Die bisher klarste und einzige mich wirklich überzeugende Antwort hat der Vajrayana-Lehrer Dr. Alexander Berzin wie folgt gegeben:

Ohne die verschiedenen Bedeutungen des Begriffs „rein“ zu unterscheiden, können Schüler leicht den Fehler machen zu glauben, dass die Handlungen eines Mentors auch dann noch die vollkommene Aktivität eines erleuchteten Wesens sind, wenn er Schülerinnen oder Schüler sexuell missbraucht. Schließlich ist ja jede Wahrnehmung missbräuchlichen Verhaltens eines Lehrers als Fehlverhalten eine Projektion und daher falsch.

Die beabsichtigte Bedeutung dieser Aussage ist allerdings eine ganz und gar andere. Die unreine Erscheinung des missbräuchlichen Verhaltens eines tantrischen Meisters als unabhängig existent, das ist das Hirngespinst eines verwirrten Geistes. Das missbräuchliche Verhalten ist in Abhängigkeit von vielen Ursachen und Bedingungen entstanden. Dennoch bleibt die Tatsache, dass das Verhalten missbräuchlich ist, doch wahr und unbestritten.

Siehe auch

Vajrayana, Mitgefühl und westliche Werte – Anmerkungen zu „Guru and Student in the Vajrayana“ von Dzongsar Khyentse Rinpoche
Markiert in:                     

3 Gedanken zu „Vajrayana, Mitgefühl und westliche Werte – Anmerkungen zu „Guru and Student in the Vajrayana“ von Dzongsar Khyentse Rinpoche

  • 27. August 2017 um 15:07
    Permalink

    Was für ein klarer Beitrag, vielen Dank. Ich bin privilegiert in einem Land mit Meinungsfreiheit zu leben und finde eine offene Diskussion wichtig, auch als Vorbild für Kulturen, die sich schwer tun Widersprüche auszuhalten

    Antworten
  • 30. August 2017 um 11:32
    Permalink

    Ich habe viel gesehen bei meinen Reisen durch den Buddhismus. Zumeist wurden kognitive Dissonanzen umgangen, indem man Widersprüche einfach nicht ansprach, verbot, sie anzusprechen (auf diese oder jene Weise, die nicht zu sehr nach Verbot aussah), oder indem man die die kognitiven Dissonanzen auslösenden Widersprüche mehr oder weniger geschickt wegerklärte (rationalisierte). Im Text von Dzongsar sieht man in dieser Hinsicht eine neue Dimension. Du Bernd drückst deine Verblüffung darüber aus, indem du „unglaublich“ schreibst, oder „unfassbar“. Dieses Unfassbare muss man auf den Punkt bringen, um vielleicht von da aus, die Diskussion voranzubringen.

    Der unfassbare Widerspruch drückt sich dadurch aus, dass Dzongsar einerseits klar und deutlich sagt, Samaya sei gebrochen worden. Andererseits habe Sogyal Lakar aber gar nicht die Autorität gehabt, Samaya zu nehmen bzw. zu geben. Anstatt diesen Widerspruch in alt bekannter Manier wegzuerklären oder zu verschleiern, setzt ihn Dzongsar einfach deutlich sichtbar in den Raum und lässt ihn dort stehen. Der sprichwörtliche „elephant in the room“ ist nun deutlich sichtbar, d.h. die wirklich sehr augenfällige Sache, die man die ganze Zeit mehr oder weniger erfolgreich ignorierte, ist nun für alle sichtbar. Was aber passiert? Anstatt nun daran zu gehen mit dem Widerspruch (zum Beispiel dialektisch) zu arbeiten, tut Dzongsar so, als sei dieser Widerspruch die normalste Sache der Welt. Wir sind in der Tat über die Maßen verblüfft.

    Mit dieser Taktik aber, von der das pauschale diffamieren der Presse nur ein Symptom ist, offenbart Dzongsar wie sehr er ein Kind des Zeitgeistes ist. Den Widerspruch in den Raum zu stellen und – mittels seiner Autorität – so zu tun, als sei der der das Normalste der Welt , reiht sich Dzongsar ein in die Reihen DES grossen Meisters der Lüge, den wir alle gerade tagtäglich beobachten müssen: Donald Trump. Dzongsar verfährt im Prinzip nicht anders als Trump. Trump hat keinerlei Problem damit, die verrückteste und völlig an den Haaren herbei gezogene Ansicht zu vertreten und dabei auch völlig Widersprüchliches zu präsentieren. Im Text von Dzongsar ist es nicht anders.

    Sicher, Dzongsar ist nicht Trump, aber sein Ansatz ist verwandt mit dem von Trump. In gewisser Weise wird „Der Brief der 8“ so zu Fake-News. Der Leser weis nicht mehr was nun richtig oder falsch ist und verlässt sich wieder lieber auf die Autorität, anstatt damit zu beginnen nachzudenken. Das aber führt geradewegs in autoritäre Strukturen und ins Autoritäre überhaupt. Dzongsar ist damit Teil des Problems, indem er durch seine Taktik autoritäre Strukturen fördert. Er ist ein Reaktionär.

    Antworten

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: