Zen-Priester aus Dinkelscherben des mutmaßlichen siebenfachen sexuellen Missbrauchs von Kindern angeklagt

Die Augsburger Allgemeine hatte bereits im Oktober 2016 über die U-Haft des bekannten und engagierten Zen-Lehrers, Genpo D. (Hans Rudolf D.), berichtet. Die Zeitschrift der DBU, »Buddhismus Aktuell«, berichtete dann in einem Blog-Eintrag im Februar 2017.

Nun beginnt der Prozess in Augsburg wegen mutmaßlich siebenfachen Kindesmissbrauchs.

Was die Augsburger-Allgemeine hier berichtet ist in höchstem Maße erschütternd und traurig. Es ist wirklich schwer zu fassen…

An erster Stelle wünsche ich den betroffenen Kindern und ihre Familien, dass sie den zugefügten Schaden möglichst gut verarbeiten können, die nötige professionelle Unterstützung erhalten und schließlich Heilung finden.

Besonders lobenswert ist das Verhalten der Mutter von zwei der betroffenen Kinder. Es war bestimmt nicht einfach für sie – besonders unter den gegebenen Umständen – dies zur Anzeige zu bringen. (Laut einer Studie, stellen sich Mütter zudem bei Kindesmissbrauch selten schützend vor ihre Kinder.) Auch der Augsburger Allgemeinen gebührt Lob, denn die Ermittler selbst gingen mit dem Fall nicht an die Öffentlichkeit und erst durch den Bericht der Augsburger Allgemeinen, im Oktober 2016, wurde ein »langjähriger enger Vertrauter des Zen-Priesters« auf den Fall aufmerksam, suchte die Polizei auf und wies die Polizei darauf hin, dass es noch mehr Fälle von Kindesmissbrauch geben könnte. Dies führte zu weiteren Ermittlungen in deren Folge nun sieben mutmaßliche Missbrauchsopfer in der Anklageschrift stehen. (All dies zeigt wieder einmal wie wichtig es ist hinzusehen, zu handeln und ggf. an die Öffentlichkeit zu gehen… Dies nicht zu tun unterstützt dagegen i.R. immer den Täter und die Fortsetzung sexuellen Missbrauchs.)

Leider kann der durch sexuellen Missbrauch zugefügte Schaden das Leben und die Beziehungen eines Menschen nachhaltig und langfristig – über Jahrzehnte – schwer beschädigen.
Wer mehr Verständnis für die Leiden von Kindern oder Jugendlichen, die sexuelle Gewalt erfahren mussten, entwickeln möchte, kann die nachfolgende NDR Dokumentation anhören, »Lebenslange Last – ein Missbrauchsopfer der Odenwaldschule berichtet«:

Es wäre sicher sehr hilfreich als erster Schritt für die Betroffenen, wenn Genpo D. den Wunsch der Opferanwältin erfüllt:

Für die Opfer, so erklärt sie, sei meist nicht das genaue Strafmaß entscheidend. Viel wichtiger sei das Verhalten des Angeklagten. Sie sagt: »Wir erhoffen uns ein umfassendens Geständnis und das Signal, dass er Verantwortung für seine Taten übernimmt.«

Das hoffe und wünsche ich auch!
Natürlich wünsche ich auch Genpo alles Gute und Heilung.


Vor kurzem hatte Christopher Hamacher, Autor von »Zen hat keine Moral«, auf dem DBU Blog kommentiert:

Ein solch trauriges Ereignis dürfte für die restliche buddhistische Gemeinschaft Anlass bieten, einige unangenehme Fragen über unsere Praxis zu stellen. Vor allem müssen wir langsam zugeben, dass ein Großteil dessen, was man Zen-Meister an Tugenden und Einsicht gemeinhin zuschreibt, angesichts der Tatsachen einfach nicht stimmt.

Ich kann dem nur zustimmen. Wobei sich für mich die Frage stellt, geht diese Problematik nicht über den Zen hinaus?

Was hier passiert ist, ist so traurig und schmerzhaft – auf so vielen Ebenen. Da wurde die Not von Menschen, ihr Vertrauen, ihre Offenheit schamlos ausgebeutet, Grundprinzipien der (buddhistischen) Ethik wurden nicht beachtet… Mehrere Kinder und deren Familien wurden geschädigt …
Was muss mit einem Menschen und seiner buddhistischen Praxis schief laufen, dass so wenig Zurückhaltung, so wenig Mitgefühl für die Mitmenschen vorhanden ist und die Grundoffenheit von bedürftigen oder vertrauensvollen Menschen so schamlos für eigene Zwecke missbraucht wird? Was sagt die Gemeinschaft?¹ Hat niemand etwas mitbekommen? Wer hat weggesehen? Warum? Was wurde ignoriert? Was können wir daraus lernen?

Was können wir tun, um Missbrauch in unseren Gemeinschaften zu verhindern? Wo gibt es Ansprechpartner? Wer nimmt Betroffene ernst? Wer hört zu? An wen kann man sich wenden?
Natürlich, bei sexuellem Missbrauch von Minderjährigen, eine Straftat, ist die Polizei der allererste und der richtige Ansprechpartner!
Aber wer ist Ansprechpartner, wer hört zu, wenn das Vertrauen und die Bedürftigkeit von offenen, spirituellen über-achtzehnjährigen Suchenden ausgebeutet und ausgenutzt wird und sie – im Rahmen von Studium und Praxis des Buddhismus (oder »buddhistischer Seelsorge«) – zu sexuellen Handlungen manipuliert werden? Das ist zwar gesetzlich nicht strafbar – sofern es nicht den Straftatbestand einer Vergewaltigung erfüllt oder z.B. im Rahmen einer Therapie durch einen psychologischen Psychotherapeuten geschieht – trotzdem ist es in den allermeisten Fällen in höchstem Maße ebenso schädigend für die Betroffenen. Schädigen Machtmissbrauch und Manipulationen zu sexuellen Handlungen andere Menschen (egal welchen Alters), ist das sowohl weltlich als auch aus Sicht der buddhistischen Ethik verwerflich und unethisch – auch wenn es strafrechtlich nicht relevant ist.

Der Rat der Deutschen Buddhistischen Union (DBU) sollte sich meines Erachtens durch diesen erneuten, traurigen Anlass ermutig fühlen, seinen kontroversen Standpunkt zur Implementierung von ethischen Leitlinien innerhalb der Dachorganisation der Buddhisten in Deutschland zu überdenken und zu überlegen, wie die DBU potenzielle Opfer, SchülerInnen, aber auch buddhistische LehrerInnen und Gemeinschaften mit der Schaffung einer Ethik-Charta und eines Ethik-Rates besser schützen bzw. unterstützen kann. Die Einrichtung eines Ethik-Rates und einer Ethik-Charta wurde auf der Mitgliederversammlung der DBU 2011 einstimmig beschlossen.


¹ Nachtrag 13.06.2017: Die Mitgliederversammlung des Zen-Tempel Bodaisan-Shoboji in Dinkelscherben beschloss keine Stellungnahme zum Fall abzugeben. Sie hat unter Bezug auf Hozumi Roshi dagegen gestimmt, weil eine Stellungnahme ein »schlechtes Licht« auf den Verein werfen würde bzw. Kritik oder schlechte Presse bringen würde. Diese Entscheidung ist sicher nicht sehr hilfreich für die Betroffenen.

Der Vorstand selbst hatte noch im Jahr 2016 eher offen und aufklärend reagiert: »Der Vorstand teilte den Mitgliedern im Sommer mit, man halte die Informationen für glaubhaft. Sie ließen ›leider wenig Zweifel‹. Noch in diesem Jahr soll bei einer Versammlung entschieden werden, wie es weitergeht. Der 61-Jährige soll dabei, so sieht es der Plan vor, aus der Gemeinschaft, die er selbst ins Leben gerufen hat, ausgeschlossen werden. Noch kurz vor der Verhaftung hatte er mitgeteilt, dass er aus gesundheitlichen Gründen seine Ämter abgeben werde und bei der Arbeit im Tempel kürzer trete…«

Genpo D. war nicht nur Leiter des Bodaisan-Shoboji Tempels sondern auch Polizeibeamter, Mitglied des Buddhistischen Rates der Deutschen Buddhistischen Union (DBU), Ehrenmitglied des Buddhistischen Rates der DBU, SPD-Gemeinderat, seit 2008 einer von 15-17 Vizepräsidenten der in Thailand beheimateten World Fellowship of Buddhists (WFB) – der einzige Europäer – sowie regelmäßiger Teilnehmer am „Runden Tisch der Religionen“ in Augsburg »und gern gesehener Gast bei vielen Veranstaltungen«. Bisher veröffentlichte weder die DBU noch der WFB eine Stellungnahme. Der WFB löschte Genpo von der Website.

Updates 16. – 19. Juni 2017

Genpo D., der Zen Priester, gesteht den Missbrauch von sieben Jungen schreiben verschiedene Zeitungen. Laut StadtZeitung Augsburg »geht (es) um insgesamt 27 Fälle von Kindesmissbrauch, … die Staatsanwaltschaft (erhebt) Anklage unter anderem wegen schweren sexuellen Missbrauchs in fünf Fällen (und) wegen sexuellen Missbrauchs in 22 Fällen…« Sie schreibt auch, dass die Taten »im Ermittlungsverfahren zum Teil eingeräumt« wurden.

Die sieben betroffenen Kinder sollen zwischen 4 und 13 Jahre alt gewesen sein. Die zwei Jungen, deren Mutter den Fall zur Anzeige brachte, waren laut Augsburger Allgemeine zur Tatzeit im Grundschulalter.

Auch wird ihm vorgeworfen von den an Kindern ausgeübten sexuellen Handlungen pornographische Bilder angefertigt zu haben sowie Kinderpornographie besessen zu haben.

Laut RTL habe Genpo D. die mit der Kamera festgehaltenen pornografischen Bilder sexueller Übergriffe an den Kindern vor Gericht »offenbar [versucht] herunterzuspielen, indem er sie als einen künstlerischen Akt berzeichnete, obgleich sie vielmehr Beweisstücke für seine Vergehen sind. ›Die Vergänglichkeit des Augenblicks wollte ich festhalten‹, sagte Hans D.«

Der Vorsitzende Richter Lenart Hoesch ermahnte Genpo D., »dass er bei den Ermittlungen nur ein unzureichendes Geständnis abgelegt habe. Er habe sich selbst als Opfer dargestellt, dessen Fehler gewesen sei, nicht ›Stop‹ gesagt zu haben. Dies reiche nicht, um den bei den Taten vier bis 13 Jahre alten Opfern eine Zeugenaussage vor Gericht zu ersparen, betonte der Richter.«

Laut Augsburger Allgemeine legte Genpo D. nun vor Gericht ein (umfassendes) Geständnis ab, in dem es heißt, er räume alle Vorwürfe der Anklage ein. Weiter heißt es in der Augsburger Allgemeinen: »Mit seinem Geständnis hat er nun dafür gesorgt, dass die Opfer wohl nicht mehr vor Gericht aussagen müssen. Rechtsanwältin Marion Zech, die sieben Betroffene vertritt, ist darüber froh. Richter Lenart Hoesch kündigte an, der Prozess werde wohl deutlich kürzer ausfallen als zunächst vorgesehen.« Genpo D. sagte auch, »Es schmerzt mich sehr, dass ich soviel Leid verursacht habe«. Viele Zeitungen beschreiben ihn als einen gebrochenen Mann. Seine Frau habe sich von ihm scheiden lassen, seine Kinder von ihm abgewandt, er sei von einem Schlaganfall auch gesundheitlich gezeichnet.

Diese Aussage, sein Fehler sei gewesen »nicht ›Stop‹ gesagt zu haben«, halte ich persönlich für hochproblematisch. Hier kehrt der Täter Ursache und Wirkung um und bezichtigt letztlich die Kinder ihn verführt zu haben. Der Täter stellt sich als Opfer der Kinder da, da er nicht ›Stop‹ hätte sagen können. Offensichtlich – so redet er es sich das ein oder glaubt/behauptet das als Selbstschutz – wollte er den Kindern nur ein Gefallen tun, konsequenter Weise behauptet er dann auch in Bezug auf einen Fall, »Ich wollte ihm was Gutes tun, es hört sich so blöd an«… Wie jedoch verschiedene Studien und Expertenaussagen im Kontext von Kindesmissbrauch aufzeigen, ist dies eine Projektion oder Schutzbehauptung vieler Täter, die schlicht nicht mit der Realität übereinstimmt.

Weitere Details: Zen-Priester gesteht Missbrauch von sieben Jungen – Süddeutsche Zeitung (der Artikel wurde im Laufe des Tages aktualisiert) und Ein gebrochener Mann: Zen-Priester missbrauchte sieben Kinder – Augsburger Allgemeine
Siehe auch: Die Welt, Spiegel Online und Mitteilung des Gerichts (.doc). Weitere Details: RTL, Bild.

Genpo D. gab während des ersten Verhandlungstages an, als Kind selbst Opfer von Missbrauch und Gewalt durch katholische Priester geworden zu sein; auch sein Vater sei cholerisch gewesen. Er erklärte zudem, dass nach seinem letzten (dritten) Kind, seine Frau entschieden habe, dass sie jetzt als »Mönch und Nonne« leben sollten. Sie hätten seitdem also keinen gemeinsamen Sex mehr gehabt. Ein Beobachter empfand diese Aussagen als glaubwürdig. Dies könnten jedoch auch strategische Aussagen sein, wie auch das Geständnis selbst (Strafminderung).

Eine befreundete Nonne kommentierte auf Facebook:

Es überrascht mich nicht … habe mich jahrzehntelang mit der Problematik beruflich beschäftigt. Bevor ein Täter strafrechtlich aufgedeckt wird, hat er statistisch mindestens 200 strafrechtlich zu verfolgende Handlungen begangen … Täterbiographien fangen meistens früh, d.h. im Jugendalter an und sie kommen in allem Bildungs- und Einkommensschichten vor. Übrigens bauen Täter typischerweise ein emotionales Abhängigkeitsverhältnis zu bevorzugt emotional bedürftigen Kindern und Jugendlichen auf, ebenso zu deren Angehörigen. Alles geschieht geplant und durchdacht im Sinne ihres eigenen Schutzes um Aufdeckung zu verhindern und zu ihrem Nutzen. Natürlich nutzen gerade Männer in angesehen Positionen eben diese dafür aus.
Ich spreche hier ausdrücklich von Tätern … es gibt auch Täterinnen, allerdings liegt die Zahl erheblich niedriger, weniger als 10% …

Das Kloster Bodhi Vihara in Freising veröffentlichte am 30. Oktober 2016 eine »Stellungnahme zu den Mißbrauchsvorwürfen im Zen-Tempel Shoboji in Dinkelscherben«, in der es heißt:

Mit großem Bedauern nehmen wir die Meldungen aus der Presse über die Mißbrauchsvorwürfe gegen den Leiter des Zen-Tempels Shoboji in Dinkelscherben bei Augsburg zur Kenntnis. Unser Mitgefühl ist bei den möglichen Opfern!

Nach dem ersten großen Mißbrauchsskandal in der Frankfurter Pagode Phat Hue / Buddhas Weg vor ein paar Jahren ist dies nun das zweite Mal, daß wir in Deutschland auf sexuellen Missbrauch in buddhistischen Kreisen aufmerksamen werden. Anders als in Frankfurt konnte der Mißbrauchsvorwurf diesmal nicht vertuscht werden. Auch die Deutsche Buddhistische Union kann in diesem Fall nicht mehr durch Untätigkeit bei der Aufklärung bestechen. In diesem Sinne begrüßen wir mit Erleichterung die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft. Sie stellen einen großen Fortschritt bei der Etablierung von gesundem buddhistischen Leben in Deutschland dar!

Heute, am 16. Juni 2017, veröffentlichte die Hakuin Zen Gemeinschaft folgende Mitteilung des Vorstandes im Mitglieder-eigenen Forum. Sie reflektiert leider Selbstzentriertheit und eine um sich selbst kreisende Opferrolle. An die Betroffenen wird scheinbar gar nicht gedacht.

Liebe Mitglieder,
aufgrund der Unruhe, die hier im Forum über verfasste Stellungnahmen oder auch nicht, verbreitet wird, möchten wir nochmals klarstellen:

Eine offizielle Stellungnahme kann nur vom Vorstand der Hakuin-Zen-Gemeinschaft verfasst werden!

Da wir uns dagegen entschieden haben und auch in der Mitgliederversammlung nach einer Diskussion nochmals den Entschluss fassten, diese Haltung beizubehalten (wenn auch nicht einstimmig), bitten wir darum, diese Entscheidung zu respektieren.

Mit dem Zorn, den Verletzungen und den Schmerzen umzugehen ist nicht einfach und erst recht nicht, wenn die Möglichkeit in der Gemeinschaft (bis zu einem gewissen Grad) Heilung zu erfahren, nicht angenommen werden kann.

Wir können den schwierigen Weg zusammen gehen, zusammen weinen, zusammen zornig sein, uns zusammen mit der Vergangenheit auseinandersetzen, eigene Anteile erkennen und weiterhin gemeinsam üben.

Es geht wohl auch darum den Schmerz in die richtige Richtung zu lenken.

Wir sollten uns nicht selbst kaputt machen sondern den Zorn dahin lenken, wo er auch hingehört.

Schreibt an Herrn R. D[…]* in der JVA Gablingen.

Wir haben keinen Grund uns zu verstecken, wir kehren nichts unter den Teppich, alles liegt ja auf dem Tisch, aber die Verarbeitung des Schmerzes müssen wir nicht in die Öffentlichkeit tragen.

In Dinkelscherben erfahren wir Unterstützung und Mitgefühl.

Niemand kommt hier auf die Idee eine „Stellungnahme“ einzufordern, sondern sie bieten Hilfe an und sind erfreut darüber, dass wir weitermachen.

In diesem Sinne grüßt Euch herzlich der gesamte Vorstand.


* Name in der Mitteilung vom Blogbetreiber gekürzt.

Updates Juli 2017

Die Augsburger Allgemeine Zeitung berichtet lobenswerter Weise nicht nur über den Täter sondern auch über die Leiden der Betroffenen:

In ihrem neusten Artikel berichtet die Augsburger Allgemeine über Tatabläufe. Faktoren, die den sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen ermöglichten, sind u.a. der Missbrauch der spirituellen Lehrer-Schüler-Beziehung, geschickte Manipulationen und das Ausbeuten der emotionalen Bedürftigkeit der Jugendlichen:

Die Augsburger Allgemeine berichtet, dass das jüngste Opfer sexuellen Missbrauchs der vierjährige Sohn von Genpo D.s Nichte war. Ein begutachtender Psychiater geht davon aus, dass Genpo D. pädophile Neigungen hat.
»Besonders verletzbare Opfer« seien laut Verteidigerin »perfide ausgenutzt« worden – jedoch ohne Anwendung von Gewalt. Genpo D. habe viel zur Schadensbegrenzung beigetragen sowohl durch sein Geständnis als auch durch einen Täter-Opfer-Ausgleich. Das müsse ihm hoch angerechnet werden. Auch erklärte sich Genpo D. bereit, den Betroffenen jeweils ein Schmerzensgeld zwischen 4.000 und 10.000 Euro zu bezahlen – insgesamt rund 35.000 Euro. Die Staatsanwaltschaft fordert 9 Jahre Haft, der Verteidiger von Genpo D. eine Haftstrafe bis maximal 6 Jahre.

Deutschlandfunk hat einen neuen Beitrag zu »Zen-Meister: Machtmissbrauch im Buddhismus« veröffentlicht, der besonders auf Strukturen innerhalb des Zen Buddhismus eingeht, die Missbrauch förderlich sind:

Die Hakuin-Zen-Gemeinschaft e.V. hat am 10.7.2017 eine sehr klare, mitfühlende und selbstkritische Stellungnahme veröffentlicht:

Heute, am Dienstag 11. Juli 2017, wurde Genpo D. zu einer Haftstrafe von sieben Jahren und neun Monaten verurteilt. Die Augsburger Zeitung erwähnt explizit die Stellungnahme der HZG und auch dass es intern umstritten war, ob sich der Verein äußern soll.

Die 180 Grad Wendung der HZG und auch das explizit ausgedrückte Mitgefühl für die Betroffenen sowie der Dank an die Mutter der zwei missbrauchten Jungen, die mit ihrer Anzeige gegen Genpo D. den Fall ins Rollen brachte, ist auf allen Ebenen nur zu begrüßen.

Die Redaktion von Buddhismus Aktuell, Susanne Billig und Ursula Richard, haben einen Artikel und Kommentar zur Sache veröffentlicht. Buddhismus Aktuell ist die Zeitschrift der Deutschen Buddhistischen Union (DBU). Der Artikel und Kommentar reflektiert die Sicht der verantwortlichen Redakteurinnen. Von der DBU selbst liegt bisher keine Stellungnahme vor. Genpo D. war Mitglied des Buddhistischen Rates der Deutschen Buddhistischen Union (DBU) und Ehrenmitglied des Buddhistischen Rates der DBU.

Genpo D. ließ via seinem Anwalt Revision gegen das Urteil einlegen:

Am letzten Tag des Monats Juli veröffentlichte der Rat der DBU folgende Stellungnahme:

 Zuletzt aktualisiert am 01. Sept. 2017

Zen-Priester aus Dinkelscherben des mutmaßlichen siebenfachen sexuellen Missbrauchs von Kindern angeklagt

14 Gedanken zu „Zen-Priester aus Dinkelscherben des mutmaßlichen siebenfachen sexuellen Missbrauchs von Kindern angeklagt

  • 13. Juni 2017 um 11:47
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    Zur langen Liste der Institutionen, die über den Fall lieber schweigen, müsste man eigentlich auch Myoshinji in Japan bzw. dessen Entsandte Hozumi Gensho hinzufügen. Bodaisan Shoboji rühmt sich ja nach wie vor mit der Behauptung, „der erste Zweigtempel des Myoshinji in Deutschland, eine der großen Linien der Rinzai-Zen-Tradition in Japan“ zu sein. Auch stehe „der Tempel unter dem Patronat der Zen Meister Hozumi Gensho Roshi und Kato Gikan Roshi.“ Aber was bedeutet ein solches „Patronat“ konkret, wenn die japanischen Robenträger nur für schöne Anlässe erscheinen und quasi in Deckung gehen, wenn die Sachen schief laufen? Schließlich war Genpo D. zwanzig Jahre lang Hozumi Genshos Paradeschüler in Deutschland. Was sagt das über ihn nun aus? Wo bleiben auf einmal die tiefe Einsicht, die Bodhisattva-Gelübden, usw.?

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  • 16. Juni 2017 um 17:45
    Permalink

    “Genpo D., der Zen Priester, gibt die in der Anklage genannten sieben Fälle zu. Es soll jedoch mehr als 20 Fälle geben“

    Bitte die Zeitungsartikel genau lesen – dort steht “gibt Missbrauch von sieben Jungen zu“. Zwar wird von mehr als 20 “Übergriffen“ berichtet – das bedeutet aber nicht, dass es auch mehr als 20 Opfer geben muss, wie es ihr obiger Satz suggeriert.

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    • 16. Juni 2017 um 19:32
      Permalink

      Danke, J.B. für den Kommentar und den Hinweis.

      Die StadtZeitung Ausgburg schreibt wörtlich „Es geht um insgesamt 27 Fälle von Kindesmissbrauch. … Im Detail hat die Staatsanwaltschaft Anklage unter anderem wegen schweren sexuellen Missbrauchs in fünf Fällen, wegen sexuellen Missbrauchs in 22 Fällen…“.

      Die SZ hat ihren Artikel geupdated (ohne Hinweis) und schreibt nun „Doch er hat seine Position dafür missbraucht, sich über viele Jahre hinweg reihenweise sexuell an Kindern zu vergehen. Dem Mann werden in der Anklage fast 30 Fälle vorgeworfen, fünf davon stuft die Staatsanwaltschaft als schweren sexuellen Kindesmissbrauch ein.“

      Ich erkenne hier das Problem, das Du ansprichst, eine sprachliche Unschärfe, die mE aber auch in den Artikeln gegeben ist. Ich gucke mal, wie ich das umformulieren kann. Wahrscheinlich zitiere ich einfach die SZ & ASZ, dann liegen mögliche sprachliche Unschärfen bei der Zeitung (im Zitat) und nicht bei mir – ich weiß es auch nicht besser, um es klarer formulieren zu können.

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    • 16. Juni 2017 um 21:34
      Permalink

      PS: Mir wurde eben bestätigt, dass es um sieben Betroffene geht. Also bezieht sich die Anzahl auf die Anzahl der Taten ihnen gegenüber. Ich präzisiere das nun. Zusätzlich habe ich eben eine Mitteilung der Hakuin Zen Gemeinschaft hinzugefügt. Danke noch einmal für den wichtigen Hinweis!

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  • 30. Juni 2017 um 15:24
    Permalink

    Vielen Dank für diesen ausführlichen, offenen, sehr informativen Blog. Als langjähriger Zen-Schüler bin ich tief erschüttert über diese Taten und kann nur zustimmen, dass alle Informationen klar und schonungslos auf den Tisch kommen müssen. Und dann müssen wir darüber reden, wie wir unsere Zen-Gruppen so strukturieren können, dass so ein Missbrauch nicht mehr vorkommen kann.

    Antworten
  • 30. Juni 2017 um 22:31
    Permalink

    Unser Dojo (Zen-Mühle in Mülheim an der Ruhr) hat einen „Offenen Brief“ an die HZG verfasst. Wir rufen die HZG auf, ihr Schweigen zu brechen und zu den Missbrauchsfällen durch ihren Gründer und langjährigen Leiter öffentlich Stellung zu beziehen.
    Eine PDF-Datei des Briefs kann über unsere Dojo-Website heruntergeladen werden:
    http://zen-muehle.de/PDF/offener_brief_hzg_s.pdf

    Antworten
  • 3. Juli 2017 um 00:06
    Permalink

    Das Blogpost wurde aktualisiert und der Link zum Offenen Brief und einem Artikel der Augsburger Allgemeinen zum Leid der Geschädigten hinzugefügt.

    Antworten
  • 10. Juli 2017 um 14:28
    Permalink

    Die Gemeinschaft hat sich nun geäußert. Facebook u.a. Ich denke, ein Zeitpunkt gegen Ende der Verhandlung war auch angemessen.

    Antworten
    • 10. Juli 2017 um 17:47
      Permalink

      Danke Nancy. Kannst Du einen Link senden oder Details nennen?

      Antworten
    • 10. Juli 2017 um 20:44
      Permalink

      Respekt und Dankbarkeit. Eine wirklich gute und heilsame Stellungnahme, die das Leid der Betroffenen fokussiert und auch die eigene Betroffenheit und Verantwortung. Danke!

      Ich kopiere sie mal hier als Zitat, da damit zu rechnen ist, dass sie nach einer Weile wieder von der Website verschwindet, sozusagen als zeitgeschichtliches Archiv.

      10.07.2017

      Stellungnahme der Hakuin-Zen-Gemeinschaft e.V.

      Mit wachsendem Entsetzen haben wir, die Hakuin-Zen-Gemeinschaft e.V., den Prozess gegen Genpo, angeklagt wegen schwerem sexuellen Missbrauch, verfolgt.

      Mit großen Schmerzen und anfänglich tiefer Verzweifelung mussten wir erfahren, dass unser langjähriger Leiter und Lehrer sich eines schweren Verbrechens schuldig gemacht hat und Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen furchtbares Leid zufügte.

      Besonders schwer wiegt, dass er als buddhistischer Priester und Lehrer Schutzbefohlenen, Menschen, die ihn aufsuchten, weil sie Hilfe brauchten und ihm vertrauten, aufs schändlichste ausnutzte.

      Unser ganzes Mitgefühl gilt den Opfern und ihren Familien. Ihnen wurde in einer Art und Weise Schmerzen und Leid zugefügt, dass wohl ein Leben lang Narben hinterlässt.

      Es tut uns unglaublich leid, dass wir nicht in der Lage waren, diese schrecklichen Handlungen zu erkennen und zur Anzeige zu bringen.

      Wir sind der Familie dankbar, die das Schweigen durchbrach und ihre furchtbaren Erlebnisse mit Genpo offenbarte und anzeigte.

      Wir können leider die Zeit nicht zurückdrehen, aber wir können aus dem Erlebten lernen.

      Natürlich quält uns die Frage immer wieder warum wir nichts bemerkt haben.

      Wir müssen aus dem Erlebten lernen. Wir werden alles tun, um Missbrauch in jeglicher Form in Zukunft zu verhindern. Wir müssen uns selbst anschauen, die Strukturen des Vereins beleuchten, Machtverhältnisse analysieren und Verantwortung übernehmen.

      Nach heutigen Erkenntnissen besteht ein weitaus höheres Risiko für sexuelle Gewalt in autoritären und hierachisch strukturierten Institutionen sowie in Einrichtungen, die keine Präventionsstrukturen und kein Beschwerdemanagement haben (extern).

      Wir arbeiten daran verbindliche Verfahrensweisen im Umgang mit jeglicher Form von Gewalt und Präventionsmaßnahmen zu implementieren.

      Die Würde des Menschen ist unantastbar.

      Wir stehen in tiefer Schuld.

      Wir sind uns auch bewusst, dass durch das sträfliche Handeln unseres Lehrers dem Buddhismus , insbesondere in Deutschland, schwerer Schaden zugefügt wurde. Wir bedauern das sehr tief.

      Der Vorstand der Hakuin-Zen-Gemeinschaft

      Antworten
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